
FRANZ KAFKA, MAX FRISCH
(ZÜRICH 17. JANUAR, BASEL 12. FEBRUAR)
(ZÜRICH 17. JANUAR, BASEL 12. FEBRUAR)
Texte von Franz Kafka und Max Frisch
Streichquartette von Schostakowitsch, Schulhoff, Bartók und Bloch
Dauer: ca. 2,5 Stunden inkl. Pause
Streichquartette von Schostakowitsch, Schulhoff, Bartók und Bloch
Dauer: ca. 2,5 Stunden inkl. Pause
Detailprogramm:
| Peter Bieri | Einführung |
| Franz Kafka | Der Proceß, Verhaftung 1 |
| Dmitri Schostakowitsch | Quartett Nr. 11, op. 122: III: Rezitativ |
| Franz Kafka | Der Proceß, Verhaftung 2 |
| Dmitri Schostakowitsch | Quartett Nr. 15, op. 144: II: Serenade |
| Franz Kafka | Der Proceß, Verhaftung 3 |
| Dmitri Schostakowitsch | Quartett Nr. 9, op. 117: IV: Adagio |
| Franz Kafka | Der Proceß, Ende |
| Erwin Schulhoff | Quartett Nr. 1: 4. Satz: Andante molto sostenuto |
PAUSE
| Peter Bieri | Einführung |
| Max Frisch | Der Mensch erscheint im Holozän, Anfang |
| Béla Bartók | Streichquartett Nr. 4: 3.Satz: Non troppo lento |
| Max Frisch | Der Mensch erscheint im Holozän, Wanderung Teil 1 |
| Ernest Bloch | Paysages: North Moderato molto |
| Max Frisch | Der Mensch erscheint im Holozän, Wanderung Teil 2 |
| Ernest Bloch | Paysages: Alpestre: Allegretto |
| Max Frisch | Der Mensch erscheint im Holozän, Wanderung Teil 3 |
| Ernest Bloch | Paysages: Tongataboo: Allegro |
| Max Frisch | Der Mensch erscheint im Holozän, Wanderung Teil 4 |
| Ernest Bloch | Night |
| Samuel Beckett | je suis ce cours de sable qui glisse |
Ausführlicher Programmtext von Pascal Mercier/Peter Bieri:
„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ So beginnt Kafkas Romanfragment Der Proceß, geschrieben in den ersten Monaten des ersten Weltkriegs. Dem Bankangestellten K. wird der Prozeß gemacht von einem Gericht, das kein Gesicht hat, keinen bekannten Regeln folgt und keine klare Anklage erhebt. K. ist diesem Gericht hilflos ausgeliefert und durchlebt die Erfahrung vollständiger Ohnmacht. Diese Ohnmacht erreicht ihren Höhepunkt, als man ihm sagt: „Das Gericht will nichts von Dir. Es nimmt Dich auf wenn Du kommst und entläßt Dich wenn Du gehst.“ Denn nun sieht es so aus, als sei das Gericht vielleicht gar nicht außen, sondern innen, und somit eine Instanz, vor der es kein Entrinnen geben kann.
Das Kennzeichen der Imagination, sagte Max Frisch, über Kafka sprechend, sei: „Dass sie uns nie wieder loslässt; was sie uns eröffnet hat, bestimmt unsere psychische Entwicklung, unser Verhältnis zur eigenen Existenz… Imagination ist ein magischer Akt“ (Schwarzes Quadrat: 43,45). Was sind die wichtigsten Charakteristika von Kafkas magischer Erfindung?
Es sind zwei, ein inhaltliches und ein stilistisches. Das inhaltliche ist die Logik des Alptraums. Die Figuren, mit denen K. es zu tun hat, tauchen wie aus dem Nebel auf, unerklärlich, gespenstisch, bedrohlich, und was sie sagen und tun, setzt jede Logik außer Kraft – so sehr, daß selbst K. in diesen Sog gerät und Dinge tut, die abstrus anmuten. Was Anklage, Schuld und Urteil anlangt, tappt er bis zuletzt im Dunkeln, und wir folgen ihm durch dieses Dunkel, gepeinigt von der Unfähigkeit zu verstehen.
Das zweite, stilistische Charakteristikum ist die langsame, umständliche, buchhalterische Genauigkeit der Sprache. Die Sätze kommen stockend, unmerklich verzögert, als gäbe es winzige Hiate dazwischen, und man wird an eine Kanzleisprache erinnert, mit einer Feder kalligraphisch gesetzt in altertümlichen Buchstaben, hergestellt in einer langsamen Werkstatt der Wörter, wo jeder Satz in tagelanger Arbeit zusammengebaut wird. Es ist die Tatsache, daß die verrückte Logik des Geschehens, der jede Übersichtlichkeit fehlt, in der Sprache penibler Aktengenauigkeit beschrieben wird, die den Text unvergeßlich macht und den Leser nachhaltig verändert. Wie immer in der Literatur: Der Stil definiert den Inhalt.
Bei Dmitri Schostakowitsch haben wir Musik gefunden, in der man Elemente von Kafkas Atmosphäre hören kann. Der Text beginnt mit Sätzen, die alles Vertraute aus den Angeln heben. K. erwacht in eine Welt hinein, in der alles mit einem Schlag verfremdet ist. Diese Zäsur des Schreckens kann man im Rezitativ (einem Adagio) des 11. Streichquartetts, op. 122, ausgedrückt finden. Schostakowitsch begleitet uns weiter durch den Text mit der Serenade aus dem Quartett Nr. 15 und dem vierten Satz, einem Adagio, aus dem Quartett Nr. 9. Im ersten Stück hören wir Instrumentalstimmen, die wie aus nebliger Ferne kommen, um uns bedrohlich anschwellend zu überfallen, man hört sie wehrlos auf sich zukommen. Wie es im Text zwischendurch Passagen gibt, wo alles seine trügerische Ordnung zu haben scheint, hören wir melodiös Vertrautes, das jedoch durch dissonante, schrille Einschübe durchgestrichen wird, die wie Negationen sind. Das zweite Stück versetzt uns mit seiner langsamen, dunklen, monotonen Melodie, die man schon beim zweiten Mal wie eine Verfolgung erlebt, in den dickflüssigen Alptraum des Texts hinein, dessen Schrecken in schrillen Pizzicati aufleuchtet. Was wir musikalisch nicht haben einfangen können: die penible, spröde Genauigkeit des Stils und seinen Beitrag zum langsamen, leisen Schrecken in allem, was K. zustößt.
Nach der Lektüre des grausamen Schlusses mit seiner gläsernen Härte hören wir den 4. Satz aus dem Streichquartett Nr. 1 von Erwin Schulhoff. Man kann ihn einerseits hören als musikalische Erläuterung der Hinrichtung und andererseits, vor allem gegen Schluß, als Antwort auf die Frage: Wie würde in Kafkas Welt Trauer klingen?
Text Kafka:
Der Proceß, Kritische Ausgabe, hrsg. von Malcolm Pasley, Frankfurt/M. 1990
Über Kafka:
Über Kafka:
Peter-André Alt, Franz Kafka, Der ewige Sohn, 11. Kapitel, München: Beck 2005
„Schreibend, auf der Suche nach dem Satz, der in der Wortwahl und in seinem Rhythmus endlich unserer Erfahrung entspricht, entdecken wir, wie wir die Welt und uns selber wirklich erleben“, sagt Max Frisch in seinen Princeton Vorlesungen und zitiert diese Notiz aus dem ersten Tagebuch: „Was wichtig ist: das Unsagbare, das Weisse zwischen den Worten, und immer reden diese Worte von den Nebensachen, die wir eigentlich nicht meinen. Unser Anliegen, das eigentliche, lässt sich bestenfalls umschreiben, und das heisst ganz wörtlich: man schreibt darum herum“ (Schwarzes Quadrat: 35,23).
Das kann man an seiner späten Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän besonders gut sehen. Wollte man ihr Thema beim Namen nennen, könnte man sagen: Sie ist eine erzählerische Meditation über Vergänglichkeit, Verfall und Einsamkeit. Und: Es ist von der Würde des Menschen die Rede, sofern sie Wahrhaftigkeit betrifft – die Bereitschaft, die Tatsachen der condition humaine anzuerkennen. Das Entscheidende an der Erzählung aber ist, daß all diese Wörter nicht fallen. Die Rede ist nur davon, was Herr Geiser in seinem Haus im Tessin hört, sieht, denkt und tut. Es gibt die äußere Bedrohung durch Gewitter und Erdrutsch, und es gibt die innere Bedrohung durch das Schwinden der Kräfte und den Verlust von Gedächtnis und Orientierung. Innen wie außen werden Risse sichtbar, und Herr Geiser heftet Lexikonartikel an die Wand, um sich zu vergewissern, was er einmal gewußt hat.
In Montauk berichtet Frisch davon, daß ihm vier frühere Fassungen des Textes mißlungen seien, weil ihn die Erzählperspektive nicht überzeugte (21). Die jetzige Perspektive ist von großer Raffinesse: Es ist abwechselnd von „Herr Geiser“ und von „man“ die Rede, und dieser Wechsel läßt eine einzigartige Leseerfahrung entstehen. Herr Geiser wird dadurch zu Jedermann, und seine Wahrnehmungen und Gedanken lesen wir gleichzeitig als seine, als diejenigen des Autors und als unsere eigenen. Als Leser sind wir ganz in seinem Haus und in seinem Kopf und gleichzeitig ganz bei uns selbst. Die Raffinesse liegt darin, daß wir nicht merken, wie der Erzähler das macht.
Die Sätze sind einfach gebaut, karg und spröde in der Wahl der Worte. Wie es ist, Herr Geiser zu sein, erfahren wir nicht durch komplizierte Beschreibungen seiner Innenwelt, sondern durch lakonische Gedankenzitate. So ist es auch in dem Textstück, das wir ausgewählt haben: Herr Geiser unternimmt eine trotzige Wanderung, in deren Verlauf er sich äußerlich wie innerlich verirrt, man spürt in jedem Moment, wie wenig zu einem Absturz fehlt. Es wird eine dramatische Erfahrung beschrieben, ohne daß dramatische Worte fallen. Das Drama ist „das Weisse zwischen den Worten“.
Im dritten Satz von Béla Bartóks 4. Streichquartett haben wir eine Musik gefunden, die man als Gegenstück zu der Atmosphäre von Frischs Text hören kann. Es kommt darin eine vibrierende Anspannung und eine sanfte Bedrohung zum Ausdruck: Jederzeit kann etwas einstürzen. Die inneren und äußeren Risse, von denen der Text spricht, finden ihre Entsprechung in Stellen, wo der Einsatz eines Instruments sich anhört wie ein Riß in der Stille.
Fast als Fortsetzung von Bartók kann man die Musik hören, mit der wir Herrn Geiser auf seiner bedrohlichen Wanderung begleiten: zwei Streichquartette von Ernest Bloch (1880-1959), einem amerikanischen Komponisten schweizerischer Herkunft. Streng genommen ginge es darum, die Erzählperspektive des Jedermann musikalisch nachzubilden. Hätten Bach oder Monteverdi Streichquartette geschrieben – man würde dort suchen. Doch das dauerte noch bis Haydn, und so haben wir uns für Blochs Musik entschieden, weil man in ihr etwas Sonderbares, fast Paradoxes hören kann: eine Melancholie, die vom individuellen Gefühl abgelöst ist und dem Empfinden entspricht, mit dem der Leser Herrn Geiser auf einer Wanderung begleitet, die auch seine eigene sein könnte, weil sie die Wanderung von Jedermann ist.
Ausklingen lassen wir den Abend mit einem Gedicht von Samuel Beckett, von dem man sich vorstellen könnte, daß er es nach der Lektüre von Frischs Text geschrieben hätte:
je suis ce cours de sable qui glisse
entre le galet et la dune
la pluie d’été pleut sur ma vie
sur moi ma vie qui me fuit me poursuit
et finira le jour de son commencement
cher instant je te vois
dans ce rideau de brume qui recule
où je n’aurai plus à fouler ces longs seuils mouvants
et vivrai le temps d’une porte
qui s’ouvre et se referme
Texte Frisch:
„Schreibend, auf der Suche nach dem Satz, der in der Wortwahl und in seinem Rhythmus endlich unserer Erfahrung entspricht, entdecken wir, wie wir die Welt und uns selber wirklich erleben“, sagt Max Frisch in seinen Princeton Vorlesungen und zitiert diese Notiz aus dem ersten Tagebuch: „Was wichtig ist: das Unsagbare, das Weisse zwischen den Worten, und immer reden diese Worte von den Nebensachen, die wir eigentlich nicht meinen. Unser Anliegen, das eigentliche, lässt sich bestenfalls umschreiben, und das heisst ganz wörtlich: man schreibt darum herum“ (Schwarzes Quadrat: 35,23).
Das kann man an seiner späten Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän besonders gut sehen. Wollte man ihr Thema beim Namen nennen, könnte man sagen: Sie ist eine erzählerische Meditation über Vergänglichkeit, Verfall und Einsamkeit. Und: Es ist von der Würde des Menschen die Rede, sofern sie Wahrhaftigkeit betrifft – die Bereitschaft, die Tatsachen der condition humaine anzuerkennen. Das Entscheidende an der Erzählung aber ist, daß all diese Wörter nicht fallen. Die Rede ist nur davon, was Herr Geiser in seinem Haus im Tessin hört, sieht, denkt und tut. Es gibt die äußere Bedrohung durch Gewitter und Erdrutsch, und es gibt die innere Bedrohung durch das Schwinden der Kräfte und den Verlust von Gedächtnis und Orientierung. Innen wie außen werden Risse sichtbar, und Herr Geiser heftet Lexikonartikel an die Wand, um sich zu vergewissern, was er einmal gewußt hat.
In Montauk berichtet Frisch davon, daß ihm vier frühere Fassungen des Textes mißlungen seien, weil ihn die Erzählperspektive nicht überzeugte (21). Die jetzige Perspektive ist von großer Raffinesse: Es ist abwechselnd von „Herr Geiser“ und von „man“ die Rede, und dieser Wechsel läßt eine einzigartige Leseerfahrung entstehen. Herr Geiser wird dadurch zu Jedermann, und seine Wahrnehmungen und Gedanken lesen wir gleichzeitig als seine, als diejenigen des Autors und als unsere eigenen. Als Leser sind wir ganz in seinem Haus und in seinem Kopf und gleichzeitig ganz bei uns selbst. Die Raffinesse liegt darin, daß wir nicht merken, wie der Erzähler das macht.
Die Sätze sind einfach gebaut, karg und spröde in der Wahl der Worte. Wie es ist, Herr Geiser zu sein, erfahren wir nicht durch komplizierte Beschreibungen seiner Innenwelt, sondern durch lakonische Gedankenzitate. So ist es auch in dem Textstück, das wir ausgewählt haben: Herr Geiser unternimmt eine trotzige Wanderung, in deren Verlauf er sich äußerlich wie innerlich verirrt, man spürt in jedem Moment, wie wenig zu einem Absturz fehlt. Es wird eine dramatische Erfahrung beschrieben, ohne daß dramatische Worte fallen. Das Drama ist „das Weisse zwischen den Worten“.
Im dritten Satz von Béla Bartóks 4. Streichquartett haben wir eine Musik gefunden, die man als Gegenstück zu der Atmosphäre von Frischs Text hören kann. Es kommt darin eine vibrierende Anspannung und eine sanfte Bedrohung zum Ausdruck: Jederzeit kann etwas einstürzen. Die inneren und äußeren Risse, von denen der Text spricht, finden ihre Entsprechung in Stellen, wo der Einsatz eines Instruments sich anhört wie ein Riß in der Stille.
Fast als Fortsetzung von Bartók kann man die Musik hören, mit der wir Herrn Geiser auf seiner bedrohlichen Wanderung begleiten: zwei Streichquartette von Ernest Bloch (1880-1959), einem amerikanischen Komponisten schweizerischer Herkunft. Streng genommen ginge es darum, die Erzählperspektive des Jedermann musikalisch nachzubilden. Hätten Bach oder Monteverdi Streichquartette geschrieben – man würde dort suchen. Doch das dauerte noch bis Haydn, und so haben wir uns für Blochs Musik entschieden, weil man in ihr etwas Sonderbares, fast Paradoxes hören kann: eine Melancholie, die vom individuellen Gefühl abgelöst ist und dem Empfinden entspricht, mit dem der Leser Herrn Geiser auf einer Wanderung begleitet, die auch seine eigene sein könnte, weil sie die Wanderung von Jedermann ist.
Ausklingen lassen wir den Abend mit einem Gedicht von Samuel Beckett, von dem man sich vorstellen könnte, daß er es nach der Lektüre von Frischs Text geschrieben hätte:
je suis ce cours de sable qui glisse
entre le galet et la dune
la pluie d’été pleut sur ma vie
sur moi ma vie qui me fuit me poursuit
et finira le jour de son commencement
cher instant je te vois
dans ce rideau de brume qui recule
où je n’aurai plus à fouler ces longs seuils mouvants
et vivrai le temps d’une porte
qui s’ouvre et se referme
Texte Frisch:
Der Mensch erscheint im Holozän, Suhrkamp 1979; Montauk, Suhrkamp 1975; Schwarzes Quadrat, Suhrkamp 2008
Text Beckett:
Text Beckett:
Collected Poems in English & French, New York: Grove Press 1977

